Allegorien

Fotografien von Michael Wesely

Tempelhofer Feld, Berlin (17.31 - 17.42 Uhr, 7.9.2013) © Michael Wesely

Michael Wesely ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Fotografen Deutschlands. Seine Werke sind seit 2002 (25. Sao Paulo Biennale) weltweit in Ausstellungen zu sehen. Jetzt kommt eine neue Ausstellung des Künstlers nach Mexiko: Ab dem 4. Mai werden im Pabellón Alemán und in der Galerie Marso die Ergebnisse einer Residenz des Künstlers in Mexiko im Zusammenspiel mit früheren Werken aus Deutschland gezeigt.

„Die Photographien von Michael Wesely sind die irreversiblen Spuren der Vergangenheit, die sich in der Gegenwart als Formen ablagern, angespült aus dem endlosen Reservoir vergangener und verpasster Möglichkeiten (…)“*

Worin liegt die Magie der Arbeiten von Michael Wesely? Das Besondere der Fotografie ist, dass sie einen bestimmten Moment in Raum und Zeit festhält, ihn sozusagen auf das Fotomaterial bannt und so ihrer Unendlichkeit und ihrem Potenzial zur Weiterentwicklung entraubt. Im Gegensatz dazu entwirft Michael Wesely in seinen Langzeitbelichtungen neue Bildwelten die diese Grenze aufheben. Über Stunden oder teils Jahre hinweg fotografiert der Künstler seine Motive -Portraits, Stillleben, Stadtlandschaften- und bannt so zahlreiche Zeiträume auf die Bildfläche. Vor dem Betrachter öffnet sich eine neue Realität, ein Gewebe von Zeit und Raum, voller Möglichkeiten und Spekulationen über die Vergangenheit und Zukunft.

Mit seiner selbstentwickelten Technik dokumentiert Michael Wesely still und oft unbemerkt die Verwandlung von Menschen, Objekten und Orten. Personen erscheinen als bunte Schemen, verschwimmende Farben ohne scharfe Konturen; durch die lange Belichtungszeit erscheint die Bewegung als dritte Dimension auf dem sonst starren zweidimensionalen Bildausschnitt.

Wie dem Leben auf den Plätzen der Städte und den Gesichtern der Menschen eine Willkürlichkeit und ein Kontrollverlust inne wohnen, so kann auch Wesely seine Aufnahmen nur bis zu einem bestimmten Punkt beeinflussen. Er positioniert die Kamera, kann die Länge der Belichtung bestimmen, hat aber keine Macht über die Bewegungen, die später schemenhaft und unterschiedlich intensiv auf dem Bild zu erkennen sind. Das Ergebnis hinnehmen zu müssen ist für ihn  eine Lebensaufgabe, ein spezieller Weg in der Fotografie, die sich hier zur Malerei, zur Bildhauerei und zum Monument öffnet. Für den Betrachter ist es gleichzeitig eine Herausforderung und eine Einladung – denn in den Bildern von Michael Wesely ist alles möglich.

Michael Wesely (*1963) lebt und arbeitet in Berlin. Bekannt wurde er durch seine extremen Langzeitbelichtungen  vom Potsdamer Platz. Seine Arbeiten wurden im Museum of Modern Art (MoMA) in New York ausgestellt, mit dem er das Open Shutter Project (2004) realisierte, Langzeitbelichtungen mit drei Jahren Belichtungszeit vom Erweiterungsbau des Museums.

Zuletzt arbeitete er an Projekten in Berlin, Japan und Sao Paulo.

* Aus: Nico Siepen, Virtuelle Lichtgestalten, 2017.

In Zusammenarbeit mit: